Interview mit Lena Bartelt (Neptuno Colombia Travel)

Die Latinconnect DMCs nutzen die aktuelle Nebensaison, um nachhaltige Faktoren innerhalb ihrer Büros, Verträge, Produkte und Kundenkommunikation voranzutreiben. Eine besondere Rolle wird dabei den Zulieferern im Land zuteil. Wie holt man diese erfolgreich 'ins Boot', kann ihr Commitment in Sachen Nachhaltigkeit messen und fördern, um entsprechende Produkte zu empfehlen. Dafür sprachen wir mit der Nachhaltigkeitsbeauftragten von Neptuno Colombia Travel, Lena Bartelt.

Liebe Lena, Ihr habt unlängst erneut die Rezertifizierung durch TourCert erlangt und seid eine der Latinconnect DMCs, die Nachhaltigem Tourismus einen besonders großen Stellenwert einrichten. Wann wurde der Grundstein hierfür gelegt und welche Aufgaben bringt das mit sich?
 
Nachhaltigkeit war für Neptuno Colombia schon immer ein Thema – anfangs natürlich noch sehr basic, da wir selbst noch viel lernen mussten und das Angebot im Land damals kaum ausgebaut war. Bereits ab 2014 waren wir national zertifiziert, was für uns ein super Start war, um das Thema zu strukturieren und in die Materie reinzukommen. Da unser Markt aber international ist, haben wir uns 2017 für das anspruchsvollere, weltweite TourCert-Siegel entschieden. Der aktuelle Aufwand ist fest in unseren Alltag integriert: Als Nachhaltigkeitsbeauftragte koordiniere ich unser CSR-System, treibe das Daten-Monitoring voran und schule das Team. Das ist eine kontinuierliche, aber extrem lohnende Investition.
 
Welches sind die Handlungsfelder, an denen Du stetig weiterarbeitest?
 
Wir unterscheiden hier ganz klar zwischen internen (viel einfacher) und externen Handlungsfeldern. Intern arbeiten wir an den vermeintlichen ‚Kleinigkeiten‘, die in der Summe dennoch viel bewirken: Mülltrennung, umweltfreundliche Reinigungsmittel, die Vermeidung von Einweg Plastik und der Einkauf lokaler Produkte fürs Büro. Extern liegt der Fokus auf dem Lieferkettenmanagement – also der Sensibilisierung und internen Bewertung unserer Partner (Hotels, Transport, Guides), um sicherzustellen, dass dort alles ‚sauber‘ und fair läuft. Ein weiteres großes Handlungsfeld ist der Klimaschutz: Wir kompensieren unsere eigenen Neptuno-Emissionen bereits direkt und haben eine umfassende Berechnung aufgestellt, um den durchschnittlichen CO₂-Ausstoß pro Reise zu ermitteln, was die Grundlage für unser Kompensationsangebot an die Kunden bildet. 
 
Auf welche Hürden bist Du bei der Umsetzung Eurer Nachhaltigkeitsziele gestoßen und konntest Du über die Zeit eine Veränderung wahrnehmen?
 
Eine der größten Hürden war es, über die Jahre ein System aufzubauen, das für uns im Alltag funktioniert. Heute haben wir endlich verlässliche Daten und Zahlen, die sich auswerten lassen, um Fortschritte und Lücken zu sehen. Eine weitere, sehr aktuelle Hürde ist das Thema Klimaschutz: Wir mussten feststellen, dass CO₂-Kompensation als rein freiwilliges Angebot an die Kunden leider kaum funktioniert – weshalb wir aktuell daran arbeiten, dies so bald wie möglich automatisch und obligatorisch in all unsere Reisen zu integrieren. Positiv verändert hat sich das Angebot im Land: Früher gab es kaum nachhaltige Produkte, heute ist das Bewusstsein massiv gestiegen. Organisationen wie ACOTUR und FONTUR leisten tollen Support und unterstützen die Akteure direkt bei der nachhaltigen Unternehmensstrategie. Dadurch wurden auch komplett neue Regionen nachhaltig entwickelt, was Reisenden heute extrem authentische Erlebnisse ermöglicht. 
 
Wie bist Du vorgegangen, um ein Commitment seitens Eurer Supplier messbar zu machen und wie kommuniziert Ihr positive Produktbeispiele an Eure Wiederverkäufer?
 
Um das Engagement unserer Partner messbar zu machen, nutzen wir maßgeschneiderte Kriterienkataloge und regelmäßige Umfragen. Auf dieser Basis bewerten und kategorisieren wir die Partner intern mit einem Punktesystem. Was die Kommunikation angeht, liegt es an uns, aktiv zu werden: Da die direkte Initiative und Nachfrage nach explizit nachhaltigen Touren seitens der Mayoristas (Großhändler) und Reisenden leider noch in der Minderheit ist, müssen wir diese Produkte von uns aus anbieten und schmackhaft machen. Wir platzieren die positiven Beispiele und Partner daher ganz gezielt in unseren Angeboten und im persönlichen B2B-Austausch.
 

Welche Erfolgserlebnisse feierst Du oder gibt es auf der anderen Seite Stellen, wo Du Dir mehr Unterstützung wünschen würdest?

Mein größtes Erfolgserlebnis ist es zu sehen, dass sich die jahrelange Arbeit in harten Daten widerspiegelt und dass unsere Partner vor Ort von sich aus aktiv werden, weil sie den Sinn dahinter verstehen. Auf der anderen Seite wünsche ich mir definitiv mehr Initiative und echtes Commitment vom internationalen Markt, also von den Reiseagenturen und Reisenden. Es reicht nicht, Nachhaltigkeit nur in Hochglanzbroschüren zu fordern; die Reiseveranstalter und Endkunden müssen diese Produkte auch aktiv anfragen. Dabei müssen wir auch mit dem Vorurteil aufräumen, dass nachhaltiges Reisen immer teurer sein muss – das ist es nämlich absolut nicht, es erfordert oft nur ein bewussteres Hinsehen bei der Auswahl.

 
Wie meinst Du, dass man es schaffen könnte, dass Reisende Nachhaltigkeit nicht als Verzicht, sondern als echte Bereicherung wahrnehmen? 
 
Indem wir aufhören, Nachhaltigkeit als Verzicht zu verkaufen. Der Gast möchte in erster Linie eine unvergessliche Reise erleben – und genau das ermöglichen nachhaltige Angebote oft sogar besser. Wenn Reisende authentische Begegnungen mit Menschen haben, lokale Kultur erleben oder einzigartige Natur entdecken, merken sie schnell, dass Nachhaltigkeit nicht weniger, sondern mehr bedeutet: mehr Qualität, mehr persönliche Begegnungen und mehr bleibende Erinnerungen. Wer beispielsweise bei einer Wayuu-Familie übernachtet, mit einem lokalen Guide unterwegs ist oder ein Gemeinschaftsprojekt besucht, nimmt Erlebnisse mit nach Hause, die kein Standardprogramm bieten kann. Nachhaltigkeit wird dadurch nicht zum eigentlichen Produkt, sondern ganz selbstverständlich zu einem Teil eines authentischen und bereichernden Urlaubserlebnisses.
 
Gibt es Produktbeispiele, die Du gerne empfiehlst und hier hervorheben möchtest?
 
Absolut, wir haben fantastische Beispiele auf Latinconnect, die zeigen, wie vielfältig das Thema gelebt werden kann. Hier sind einige meiner persönlichen Highlights:
 
Aktivitäten & Bausteine:
 
  • Halbtagesausflug Urbane Konstellationen (Medellín): Ein beeindruckendes Community-Projekt in der Comuna 3, das zeigt, wie sozialer Wandel durch Tourismus funktioniert.
  • Paket Calanoa Lodge (Amazonas): Ein absolutes Highlight, das sowohl im Umweltschutz als auch im soziokulturellen Engagement der Region extrem stark aufgestellt ist..

  • Stiftung Hogar de Paz (Bogotá): Unser absolutes Herzensprojekt. Ein Besuch, der die Realität vieler Kolumbianer zeigt, Brücken schlägt und Kindern eine Perspektive schenkt.

Unterkünfte:

  • El Almejal (Pazifikküste): Ein echter Pionier im Ökotourismus mit einem eigenen, beeindruckenden Naturschutzreservat.

  • Biohotel Organic Suites (Bogotá): Der Beweis, dass Nachhaltigkeit und moderner Komfort auch in einer Millionenmetropole perfekt Hand in Hand gehen.

  • Sazagua Cocora Hotel (Kaffeeregion): Ein wunderschönes Boutique-Hotel, das konsequent auf lokale Wertschöpfung und Partner setzt.

Das ist natürlich nur ein kleiner Auszug – wir haben noch viele weitere nachhaltige Produkte im Portfolio. Wer mehr sucht, kann gerne einfach bei uns nachfragen!

Vielen Dank Lena!

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